März 2010

[7 Mrz 2010 | Kein Kommentar | Tags: ]

Donnerstag | 11.3.2010 | 19:30 Uhr | Bern | Gewerkschaftshaus | Monbijoustrasse 61

  1. Zwei Wochen lang dreht sich die Welt – zumindest, was die Öffentlichkeit angeht – mal nicht um Kriege, Wirtschaftskrise und Steuerdatenklau, sondern um das kleine Land in der Karibik, von dem man lange nichts gehört hatte. Nachdem dessen Hauptstadt von einem größeren Erdbeben zerstört wird, ist sofort klar: Jetzt müssen „wir“ helfen. Alle Unterschiede und alle gewöhnlichen Berechnungen werden für einmal, so scheint es, beiseite gestellt, jetzt gilt nur eins: helfen, unbedingt, sofort.
  2. Klar ist zum einen, dass da unten Verhältnisse herrschen, die die totale Hilflosigkeit der Betroffenen selbst nach so einer Katastrophe beinhalten. Das gewöhnliche Elend im „Armenhaus des freien Westens“, von dem man jetzt so nebenbei erfährt, soll man aber gewiss nicht diesem zur Last legen. Stattdessen bekommt man Hinweise auf eine längst vergangene „lange Geschichte der kolonialen und postkolonialen Ausbeutung“ und die notorischen Duvaliers sowie auf angebliche „Versäumnisse“. Immerhin erfährt man andererseits, dass dieser „failed state“ offenbar keineswegs vergessen war, sondern ihm durch UNO und hunderten von NGOs genau die Betreuung zuteilwurde, die für diese Kategorie von Staaten vorgesehen ist: Ein Minimalmass an Ordnung durch die UNO Truppen plus Hungerhilfe und so weiter.
  3. Als Helfer tätig werden dann doch nicht „wir alle“, die wir dazu ausser dem guten Willen gar keine Mittel in der Hand haben, sondern die Staaten der Welt, wohlsortiert nach dem, mit wie weitreichenden Zuständigkeitsrechten sie anzutreten beschliessen, und mit welchen Potenzen sie aufzuwarten haben. Ein regelrechter Wettlauf setzt ein, bei dem zuallererst die USA als Weltmacht demonstriert, wer für die Betreuung auch von Notstandsfällen (zumal in ihrem Hinterhof) zuständig und gerüstet ist; dann die Exkolonialmacht Frankreich, und alle anderen, die gewohnt sind, global aussenpolitisch herumzufuhrwerken oder die regionale Einflussansprüche haben. Die Hilfsaktion ähnelt so ganz einer Invasion – zumal von einer lokalen Herrschaft, die bei der Organisation der Hilfsaktionen eigene Souveränitätsrechte störend geltend machen könnte, kaum die Rede sein kann.
  4. Dass zum Wegräumen der Trümmer und der Erstversorgung der Verletzten ausgerechnet das Militär eingesetzt wird, verweist auf die wirklichen Prioritäten in dieser Welt, um die es jetzt einmal ausnahmsweise nicht geht. Beim Einsatz der Kriegsmaschinerie als Helferlein fällt zudem die Hilfe für die Überlebenden wunderbar zusammen mit der Stiftung der nötigen Ordnung, die der haiitianische Staat selbst nicht hinbekommt. Denn das ist auch klar, dass es beim „blossen“ Helfen nicht bleiben darf, sondern die Hilfe darin münden muss, dass die eine dauerhafte Ordnung hinbekommen.
  5. Ein-zwei Wochen (glücklicherweise vor der Olympiade) spielt die Öffentlichkeit ganz auf „wir alle“ und inszeniert eine grosse Einheitsfront von uneigennützigen Helfern, angeleitet von Promis wie Gottschalk oder Madonna. Die Völker dieser Welt bewähren sich als moralische Kollektive aus Helfern, die – jeder nach Vermögen und PR-Berechnung – ihre paar Franken oder ihren öffentlichen Gratisauftritt dazugeben. Was der Zirkus bringt und ausrichtet, braucht man nicht zu fragen. Zweckmässig in dem Sinne ist das öffentlich angeleitete private Spendenwesen ja sowieso nicht, sondern a) Gelegenheit zur moralischen Tat und b) Beitrag zur nationalen Ehre, als „Spendenweltmeister“ in der Helferolympiade ganz oben zu landen. Was daraus wird, entscheiden sowieso andere Mächte.
[7 Mrz 2010 | 3 Kommentare | Tags: ]

Donnerstag | 7. Oktober | 19.30 Uhr | Bern | Gewerkschaftshaus | Monbioustrasse 61 | www.unia-jugend-bern.ch

Einladung zum gemeinsamen monatlichen Studium des Klassikers von Marx.

1. Treffen mit Einführung: Was von Marx zu lernen wäre: Alles nötige über Arbeit und Reichtum im Kapitalismus

Linke zählen den Theoretiker des 19. Jahrhunderts, dessen Gedanken einmal die Welt bewegt haben, zu ihrem Traditionsbestand, seine Schriften aber kennen sie nicht mehr. Marx ist heute ein toter Hund. Umso mehr als man ihn an Universitäten, sofern man sich seiner erinnert, höflich ins geistesgeschichtliche Erbe eingemeindet – und zwar als einen Grossen: Ein grosser Philosoph soll er gewesen sein, dem es nach Hegel noch einmal gelungen sei, dialektisch zu denken; ein grosser Soziologe, der ein System gebastelt habe, in dem die Gesellschaft von der materiellen Basis bis zum Überbau der Ideen auf ein einziges Prinzip gebracht ist, ein grosser Prophet, der die Globalisierung früh vorhergesehen habe, ein grosser Utopist, der sich eine schöne bessere Welt ausgedacht haben soll.

Dass Marx selbst, wenn er gefragt würde, nichts von dem genannten Grossen vollbracht haben wollte, ja sich dieses Lob verbitten würde, kann seine geistesgeschichtlichen Freunde nicht bremsen… Sie verzeihen ihm ja sogar, dass er Kommunist gewesen ist. Er selbst sah seine Leistung einzig und allein in dem, was der Untertitel seines theoretischen Hauptwerkes ankündigt: in der “Kritik der politischen Ökonomie” des Kapitalismus. Marx war, wenn irgendetwas, Ökonom. Die Wirtschaftswissenschaften allerdings haben keine gute Erinnerung an diesen Klassiker, ja eigentlich überhaupt keine. Kein Wunder. Schliesslich hat er nicht nur die menschenfeindliche und absurde Rationalität dieses Wirtschafsystems aufs Korn genommen, das sie so vernünftig finden, er hat auch ihre verständnisvollen Theorien darüber wider- und zerlegt.

An dem Kapitalismus, den Marx in der Phase seines Entstehens analysierte und kritisierte, hat sich seit seinen Tagen dies und das, aber nichts Wesentliches geändert. Immer noch ist die Vermehrung des Geldes der beherrschende Zweck, für den gearbeitet wird – und das ist keineswegs ein geschickter Umweg zur besseren Befriedigung der Bedürfnisse; noch immer sind die arbeitenden Menschen Kostenfaktor, also die negative Grösse des Betriebszwecks; noch immer findet die Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit, der grössten Quelle des materiellen Reichtums, ausschliesslich statt, um Löhne zu sparen und Arbeitskräfte zu entlassen – also um den Arbeiter ärmer zu machen.

Wegen dieser Aktualität, und nur wegen ihr, verdient es der längst verblichene Denker, dass man sich seiner erinnert. Seine Bücher helfen, die ökonomische Wirklichkeit heute zu erklären. Das will der Vortrag anhand von Zitaten aus dem ersten Kapitel von “Das Kapital” Band 1,”Die Ware” demonstrieren. Angeboten werden ungewohnte Gedanken über Gebrauchswert und Tauschwert, konkrete und abstrakte Arbeit, Geld und Nutzen, Arbeit und Reichtum – paarweise Bestimmungen, die unsere moderne Welt nicht mehr auseinander halten kann, während sie tatsächlich die härtesten Gegensätze enthalten. Der Vortrag wird einführen in “Das Kapital” und für eine längerfristige Kapital-Lektüre werben, zu der sich gerade ein für alle Interessierte offener Lesekreis bildet.