März 2011

[6 Mrz 2011 | Kein Kommentar | Tags: ]

Donnerstag | 17.03.2011 | 19 Uhr | Bern | Universität Bern Hauptgebäude Hörsaal 101 (1. OG/ Ost)

Vor ca.160 Jahren konnte man in der New York Daily Tribune folgendes lesen: „Die Natur selbst hat den Neger zu seiner Knechtschaftslage bestimmt. Die Natur, die ihm seine Stärke gab, verweigerte ihm sowohl den Verstand zum Regieren, wie den Willen zur Arbeit…“ Weshalb es für die Propagandisten der Sklaverei geradezu als eine Notwendigkeit galt, dass weiße Plantagenbesitzer diese Naturdefizite bei den schwarzen Sklaven ersetzen und sie zur Arbeit prügeln mussten, damit sie ihre natürliche „Stärke“ überhaupt zur Anwendung bringen konnten. Alles selbstredend im Dienste dieser ach so defizitär ausgestatteten Menschen. Heute ist die Sklaverei ziemlich überall aus der Mode gekommen und der zivilisierte Bürger weiß, dass er so über die farbigen Mitbewohner nicht reden darf. Selbst die Bezeichnung „Neger“ ist als diskriminierend aus dem Verkehr gezogen worden.

Nicht ganz solange ist es her, dass ein deutscher Politiker sein Staatsvolk mit folgenden Worten durchsortierte: „Der Arier ist nicht in seinen geistigen Eigenschaften an sich am größten, sondern in dem Ausmaß der Bereitwilligkeit, alle Fähigkeiten in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen.“ Und, so fuhr derselbe Politiker fort, gerade dies stelle ihn in den „gewaltigsten Gegensatz zum Juden“, der sich als „Parasit im Körper anderer Völker“ einniste und so dafür sorge, dass „das Wirtsvolk nach kürzerer oder längerer Zeit“ abstürbe. Der Politiker, weiß man, war Hitler. Sein Faschismus gehört als politisches System der Vergangenheit an, wenngleich sich immer wieder neue Anhänger seiner Doktrin, Neofaschisten eben, nicht nur zu Wort melden. Vor allem sie sind heute die Zielscheibe antirassistischer Aktionen. Die GRA listet seit Jahren minutiös alle rechtsradikalen Übergriffe in der Schweiz auf. Rassistische Ausgrenzungen werden geächtet und auch die Rede von „Tschinggä“ oder „Gummihälsen“ gilt als politisch inkorrekt ob man noch „Jugos“sagen darf ist Gegenstand der Diskussion. Die Schweiz hält sich heute ihren liberalen Umgang mit Juden, Farbigen, Migranten und andere Minderheiten zu Gute. Sie hat sich sogar in ihre Verfassungen geschrieben, dass jedermann vor dem Recht gleich ist.

Allerdings hat sie das nicht daran gehindert, sich mit der Herstellung der Gleichberechtigung von Mann und Frau bis zum Jahre 1981 Zeit zu lassen. Und wenn die Schweiz in ihren Staatsbürgergesetzen definiert, wann man als vollgültiger Staatsbürger gilt und wann nicht; wenn zugleich in Ausländergesetzen niedergeschrieben ist, wie mit denen zu verfahren ist, die nicht dazu gehören, weil sie keine Inländer sind, dann sollte man sich nicht wundern, wenn ein verschärftes Ausländerrecht von Schweizer Bürgern eingefordert wird und sie mehrheitlich gegen den Bau von Minaretten votieren. Rassismus sei das nicht, wettern diese Gegner der Kirchen für Moslems. Nur um den Schutz der Schweizer Kultur gehe es. Natürlich hat es dann auch nichts mit Rassismus zu tun, wenn im Staatsvolk „geborene Kriminelle“ oder „geborene Führerpersönlichkeiten“ entdeckt werden, wenn es nach „Hochbegabten“ und „Unbegabten“ sortiert wird. Dass in den Kriminalstatistiken alle Delikte sorgfältig nach der Nationalität der „Täter“ getrennt aufgelistet werden und es Schweizer mit und ohne „Migrationshintergrund“ gibt, hat ebenfalls nichts zu bedeuten und verdankt sich wohl nur der Sorgfalt der Statistiker. Kinder lernen in der Schule Toleranz und dass „Ausländer auch Menschen“ sind. Wenn sie groß sind bekennen sie, dass sie eigentlich nichts gegen Ausländer haben – und registrieren nicht, dass sie selbst damit noch Partei nehmen für eine Sorte Menschensortierung, die es in sich hat.

Die Berufung auf die Menschennatur hat also auch in der Demokratie Konjunktur. Nach wie vor ist es üblich, Menschen für politische und ökonomische Zwecke zu sortieren und dies dann ihnen selbst und ihren angeblichen Eigenarten anzulasten. Natürlich ist das nicht der Rassismus der Sklavenhaltergesellschaft oder des Nationalsozialismus! Doch wird durch solche Vergleiche der alltägliche Rassismus von heute auch nicht freundlicher.

Referent

Dr. Freerk Huisken ist emeritierter Professor der Universität Bremen. Er ist Politologe, Psychologe und Erziehungswissenschaftler.

Der Veranstaltung findet im Rahmen der Aktionswochen gegen Rassismus statt. Unterstützt von der Stadt Bern.