Bern

[6 Jun 2011 | Kein Kommentar | Tags: ]

Samstag | 2.7.2011 | 13:00 Uhr | Bern | Gewerkschaftshaus | Monbijoustrasse 61

Warum müht sich der moderne Mensch damit ab, eine Persönlichkeit zu werden, einen Charakter auszubilden und vor allem Selbstbewusstsein zu entwickeln? Warum sind die meisten Leute auf der Suche nach der Verwirklichung ihrer selbst und nach einem Sinn ihres Lebens? Um welchen Erfolg darf, soll, muss man sich bemühen? Warum gilt Misserfolg einzig als Auftrag, an sich selbst zu arbeiten, bestenfalls das Beste aus allem zu machen, oder – oft genug – auch einen Psychologen zu konsultieren?

Nicht nur gescheiterte, sondern auch erfolgreiche Leute gehen heute zum Psychologen und lassen sich dort für viel Geld erklären, wohin sie gehen müssen: nämlich in sich! Fragt sich nur, was diese Fachleute fürs „seelische Gleichgewicht“ zu bieten haben. Zumal es da einen bunten Strauss von einander widersprechenden psychologischen Theorien über das gibt, was die modernen Menschen treibt und was sie so treiben.

Was die Psychologie als wissenschaftliche Disziplin so über die „innere Menschennatur“ in Umlauf gesetzt hat, beschäftigt längst nicht mehr nur die Fachleute. Ob bei Gesprächen nach der Zeitungslektüre im Znüni oder am Abend beim Stammtisch, ob beim Ausfüllen eines der vielen Fragebögen in Illustrierten und im Internet über Winner- und Losertypen in Liebesdingen und Karriere – kaum ein Tag vergeht ohne eine psychologische (V)Erklärung zu irgendeiner Verhaltensweise eines Individuums im Betrieb, in der Beziehung, in der Familie oder in der Freizeit.

Und in der Tat, man muss ja wirklich kein Berufspsychologe sein, um sich zu fragen, warum Leute tagein tagaus heucheln, warum sie sich schämen, warum sie Erfolgstypen, aus dem Durchschnitt herausragende oder wenigstens rechtschaffene Menschen sein wollen, warum sie aus enttäuschter Liebe den Partner oder sich selbst umbringen?

Nur leistet die Psychologie hier keinen Beitrag zur Erklärung. Denn das Grundprinzip des psychologischen Denkens besteht darin, den Bemühungen und Taten der Individuen ihren objektiven Inhalt und Zweck abzustreiten. Stets handelt es sich, ergreift ein Psychologe das Wort, um eine Auseinandersetzung der Leute mit sich selbst, mit Kräften und Instanzen, die in ihrem „Inneren“ wirken sollen, die aber ihre Wirkung angeblich so tun, dass sie der Kontrolle des bewussten Willens ganz oder teilweise entzogen sind.

Psychologen kümmern sich eben nicht darum, in welcher Gesellschaft die Leute ihren freien Willen einsetzen. Sie behaupten, solches Verhalten entspreche dem Menschen überhaupt, liege an „seiner Art“. Und leugnen damit, dass es einen freien Willen gibt.

Im Vortrag und im Lesekreis* über
Die Psychologie des modernen Individuums
soll geklärt werden,

• welches moralische Bewusstsein und welche Techniken der Moral die Leute in der kapitalistischen Gesellschaft aus freien Stücken ausbilden, mit denen sie sich an der bürgerlichen Herrschaft abarbeiten, um sie auszuhalten;

• worin die Leistungen der Berufs- und Amateurpsychologen bestehen, bei denen moderne Menschen Hilfe suchen – und zu finden glauben;

• warum aus den nie endenden Bemühungen der Individuen, den Anforderungen der bürgerlichen Gesellschaft gerecht zu werden, der Schluss gezogen wird, die bürgerliche Ordnung entspreche haargenau der „Menschennatur, wie sie nun einmal ist“;

• warum die Psychologie behauptet, alle Bestrebungen, diese Ordnung abzuschaffen, seien wider die „Menschennatur“ und müssten daher auf eine Vergewaltigung „der Menschen“ hinauslaufen.

Psychologie des Bürgerlichen

Referent Dr. Theo Wentzke

[6 Mrz 2011 | Kein Kommentar | Tags: ]

Donnerstag | 17.03.2011 | 19 Uhr | Bern | Universität Bern Hauptgebäude Hörsaal 101 (1. OG/ Ost)

Vor ca.160 Jahren konnte man in der New York Daily Tribune folgendes lesen: „Die Natur selbst hat den Neger zu seiner Knechtschaftslage bestimmt. Die Natur, die ihm seine Stärke gab, verweigerte ihm sowohl den Verstand zum Regieren, wie den Willen zur Arbeit…“ Weshalb es für die Propagandisten der Sklaverei geradezu als eine Notwendigkeit galt, dass weiße Plantagenbesitzer diese Naturdefizite bei den schwarzen Sklaven ersetzen und sie zur Arbeit prügeln mussten, damit sie ihre natürliche „Stärke“ überhaupt zur Anwendung bringen konnten. Alles selbstredend im Dienste dieser ach so defizitär ausgestatteten Menschen. Heute ist die Sklaverei ziemlich überall aus der Mode gekommen und der zivilisierte Bürger weiß, dass er so über die farbigen Mitbewohner nicht reden darf. Selbst die Bezeichnung „Neger“ ist als diskriminierend aus dem Verkehr gezogen worden.

Nicht ganz solange ist es her, dass ein deutscher Politiker sein Staatsvolk mit folgenden Worten durchsortierte: „Der Arier ist nicht in seinen geistigen Eigenschaften an sich am größten, sondern in dem Ausmaß der Bereitwilligkeit, alle Fähigkeiten in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen.“ Und, so fuhr derselbe Politiker fort, gerade dies stelle ihn in den „gewaltigsten Gegensatz zum Juden“, der sich als „Parasit im Körper anderer Völker“ einniste und so dafür sorge, dass „das Wirtsvolk nach kürzerer oder längerer Zeit“ abstürbe. Der Politiker, weiß man, war Hitler. Sein Faschismus gehört als politisches System der Vergangenheit an, wenngleich sich immer wieder neue Anhänger seiner Doktrin, Neofaschisten eben, nicht nur zu Wort melden. Vor allem sie sind heute die Zielscheibe antirassistischer Aktionen. Die GRA listet seit Jahren minutiös alle rechtsradikalen Übergriffe in der Schweiz auf. Rassistische Ausgrenzungen werden geächtet und auch die Rede von „Tschinggä“ oder „Gummihälsen“ gilt als politisch inkorrekt ob man noch „Jugos“sagen darf ist Gegenstand der Diskussion. Die Schweiz hält sich heute ihren liberalen Umgang mit Juden, Farbigen, Migranten und andere Minderheiten zu Gute. Sie hat sich sogar in ihre Verfassungen geschrieben, dass jedermann vor dem Recht gleich ist.

Allerdings hat sie das nicht daran gehindert, sich mit der Herstellung der Gleichberechtigung von Mann und Frau bis zum Jahre 1981 Zeit zu lassen. Und wenn die Schweiz in ihren Staatsbürgergesetzen definiert, wann man als vollgültiger Staatsbürger gilt und wann nicht; wenn zugleich in Ausländergesetzen niedergeschrieben ist, wie mit denen zu verfahren ist, die nicht dazu gehören, weil sie keine Inländer sind, dann sollte man sich nicht wundern, wenn ein verschärftes Ausländerrecht von Schweizer Bürgern eingefordert wird und sie mehrheitlich gegen den Bau von Minaretten votieren. Rassismus sei das nicht, wettern diese Gegner der Kirchen für Moslems. Nur um den Schutz der Schweizer Kultur gehe es. Natürlich hat es dann auch nichts mit Rassismus zu tun, wenn im Staatsvolk „geborene Kriminelle“ oder „geborene Führerpersönlichkeiten“ entdeckt werden, wenn es nach „Hochbegabten“ und „Unbegabten“ sortiert wird. Dass in den Kriminalstatistiken alle Delikte sorgfältig nach der Nationalität der „Täter“ getrennt aufgelistet werden und es Schweizer mit und ohne „Migrationshintergrund“ gibt, hat ebenfalls nichts zu bedeuten und verdankt sich wohl nur der Sorgfalt der Statistiker. Kinder lernen in der Schule Toleranz und dass „Ausländer auch Menschen“ sind. Wenn sie groß sind bekennen sie, dass sie eigentlich nichts gegen Ausländer haben – und registrieren nicht, dass sie selbst damit noch Partei nehmen für eine Sorte Menschensortierung, die es in sich hat.

Die Berufung auf die Menschennatur hat also auch in der Demokratie Konjunktur. Nach wie vor ist es üblich, Menschen für politische und ökonomische Zwecke zu sortieren und dies dann ihnen selbst und ihren angeblichen Eigenarten anzulasten. Natürlich ist das nicht der Rassismus der Sklavenhaltergesellschaft oder des Nationalsozialismus! Doch wird durch solche Vergleiche der alltägliche Rassismus von heute auch nicht freundlicher.

Referent

Dr. Freerk Huisken ist emeritierter Professor der Universität Bremen. Er ist Politologe, Psychologe und Erziehungswissenschaftler.

Der Veranstaltung findet im Rahmen der Aktionswochen gegen Rassismus statt. Unterstützt von der Stadt Bern.

[19 Aug 2010 | Kein Kommentar | Tags: ]

Donnerstag | 09.09.2010 | 20 Uhr | Bern | Hotel Bern (Lage) | www.unia-jugend-bern.ch

Ausbildung macht dumm. Das steht nicht für ein Versagen von Schule und Universität, sondern das gehört zu den Aufträgen des hiesigen Bildungssystems. Dummheit, was ist das? Es fällt nicht unter Dummheit, wenn man die Rechtschreibung nicht beherrscht, nur schlecht lesen und rechnen kann oder die Nebenflüsse des Rheins nicht kennt. Das ist fehlendes Wissen, das kann man sich aneignen. Besser: das könnte man sich aneignen, wenn das Schulwesen tatsächlich das Anliegen verfolgen würde, den Nachwuchs solide in die „Kulturtechniken“ einzuführen und ihm gediegenes Wissen über Natur und Gesellschaft zu vermitteln. Tut es aber nicht.

Unter Dummheit fällt dagegen ziemlich viel von dem was man lernt, und zwar als Volksschüler wie als Gymnasiast und als Student. Es fällt darunter die Ausstattung der Jugend mit einer Fülle falscher Urteile über Gott und die Welt. Das liegt nicht daran, dass sich Schulbuchverfasser und Lehrer einfach nur irren, wenn sie die Schüler mit ihren Lehren über Demokratie und Faschismus, über Geld und Markt, über Familie und Staat traktieren. Das tun sie auch. Aber das trifft nicht die Sache. Dafür sind die Dummheiten viel zu resistent gegen Argumente und haben bereits zu viele Jahrzehnte in Schulbüchern überdauert. Die frühzeitige Aneignung einer gehörigen Portion Dummheit braucht es vielmehr für die geistige Ausstattung des mündigen Bürgers. Gefordert ist sie für Leistungen, die hierzulande ständig gefordert sind: nämlich für die freiwillige Unterordnung unter alle Zwänge und Sachzwänge dieser Gesellschaft. Dummheit ist parteiliches Denken. Zugleich belehren die Dummheiten den erzogenen Mensch darüber, wie er alle sich Beschränkungen seiner Interessen, das „das Leben“ bringt, zu verarbeiten hat und zugleich dabei brav bleiben kann. Dummheit ist also eine wahre Produktivkraft im und für den Kapitalismus.

Referent

Dr. Freerk Huisken ist emeritierter Professor der Universität Bremen. Er ist Politologie, Psychologe und Erziehungswissenschaftler.

[4 Jun 2010 | Kein Kommentar | Tags: ]

Mittwoch| 9.6.2010 | 19:30 Uhr | Bern | Gewerkschaftshaus (angeschriebenen Hintereingang benutzen) | Monbijoustrasse 61 | www.unia-jugend-bern.ch

Es wird inzwischen viel über China geredet – aber wie? Leitender Gesichtspunkt der China-Berichte in der bürgerlichen Öffentlichkeit ist die Frage, was der Aufstieg dieses Landes für „uns“ bedeutet. Der Eintritt Chinas in den freien Weltmarkt wird begrüßt und die Öffnung seines Marktes mit 1,3 Milliarden chinesischer Kunden stimmt uns enorm hoffnungsfroh; andererseits droht möglicherweise eine neue „gelbe Gefahr“. Denn dieses Mal tritt China an als kampfstarke wirtschaftliche Konkurrenz, die uns nicht nur mit ihren Dumping-Löhnen Teile des Weltgeschäfts abjagt und unsere Märkte überschwemmt, sondern längst zum organisierten Angriff auf unser Allerheiligstes, das technische Know-how des deutschen Mittelstands, geblasen hat. Politisch wiederholt sich die Ambivalenz: Die politische und ökonomische Elite verspricht sich durchaus einiges von der wieder erstarkten asiatischen Macht und den guten Beziehungen, die sie zu ihr unterhält. Andererseits registriert man in Berlin ebenso wie in Washington, dass man es mit einer zunehmend selbstbewussten Großmacht zu tun hat, die sich nicht so einfach einordnen und für eigene weltpolitische Interessen benutzen lässt. Bestürzt stellt man fest, dass die chinesische Führung eine Ansammlung „immer noch“ ziemlich „kommunistischer Betonköpfe“ ist, damit befasst, ihrem Volk Demokratie und Menschenrechte und dem Dalai Lama „sein Tibet“ zu verweigern. Von der Öffentlichkeit abgeschottet beschäftigt sie sich mit undurchsichtigen Intrigen und Konkurrenz um die Macht im Land, zu der bisher weder Oppositionelle noch westlich gesponserte NGOs Zutritt bekommen. Dass ihr das bisher ziemlich unangefochten gelingt, nötigt dann umgekehrt schon wieder Respekt ab. Es ist also eine ziemlich üble Mischung von Ignoranz, Feindschaft und Begeisterung, die das Urteil der bürgerlichen China-Beobachter kennzeichnet.

Das China-Bild der links-alternativen Öffentlichkeit präsentiert sich keineswegs sachlicher. Es ist auf der einen Seite geprägt von sentimentalen Reminiszenzen an frühere Tage, als man in Mao, die Volkskommunen und die Kulturrevolution eigene Hoffnungen und Wünsche hineinprojiziert hatte. Dem gegenüber stellen sich Linke das heutige China gerne als Ausbund rohester kapitalistischer Verhältnisse vor. Ihre Reportagen und Analysen werden in vielen Fällen von Millionen hungernder Wanderarbeiter bevölkert – fast so, als wäre man in seiner Kapitalismuskritik entwaffnet, wenn es auch in China nach 30 Jahren Marktwirtschaft schon etwas gesitteter zuginge und als gäbe es an Chinas langem Marsch in den Kapitalismus nichts mehr zu erklären. Oder man bleibt einfach stur und schenkt der Kommunistischen Partei und ihren Interpretationen Glauben, denen zufolge sich das Land noch immer auf dem Weg zum Sozialismus befindet – nur dass dieser etwas länger ausfällt als angenommen und kleine kapitalistische Umwege zur Erhöhung der gesellschaftlichen Produktivkraft einschließt.

Das Buch, das hier vorgestellt werden soll, stellt sich quer zu solchen Deutungen. Es kritisiert den Sozialismus Mao Zedongs, ohne Partei zu ergreifen für Chinas Übergang zur Marktwirtschaft. Es verfolgt den Aufstieg eines Entwicklungslandes zur kapitalistischen Großmacht, ohne den Fortschritt dieser Nation mit dem Wohlergehen des chinesischen Volks zu verwechseln. Es konstatiert den Erfolg des modernen China und die Eindämmungsbemühungen der etablierten Weltmächte, ohne in der Auseinandersetzung, die längst begonnen hat, Sympathien für eine der Seiten zu bekunden:

China. Ein Lehrstück über

  • alten und neuen Imperialismus,
  • einen sozialistischen Gegenentwurf und seine Fehler,
  • die Geburtsstunde eines neuen Kapitalismus und
  • den Aufstieg einer neuen Großmacht.
[28 Apr 2010 | Kein Kommentar | Tags: ]

Donnerstag | 13.5.2010 | 20 Uhr | Bern | Hotel Bern (Lage) | www.unia-jugend-bern.ch

Arme – hats die in der reichen Schweiz überhaupt? Immerhin gibt es so viele, dass sich der Bundesrat veranlasst sah, auf Antrag der für Soziales zuständigen Nationalrats-Kommission am 31. März eine „Gesamtschweizerische Strategie zur Armutsbekämpfung“ vorzustellen.

Merkwürdig

Seit es die moderne – allen anderen Produktionsweisen angeblich überlegene – Marktwirtschaft gibt, gibt es Armutsbekämpfung.
Da fragt sich doch: Warum kommt die eigentlich nie an ihr Ziel?

Was bekämpfen eigentlich die Armutsbekämpfer, wenn die Armut seit über 100 Jahren nicht verschwunden ist, sondern in den letzten Jahren sogar immer mehr zunimmt?

Und warum sind sich alle seriösen Prognosen – seien es die des Bundesamts für Statistik (BFS) oder die der Sozialverbände – darin sicher, dass sich daran – trotz aller Bemühungen um Armutsbekämpfung – auch in den nächsten Jahren nichts ändern wird?

Könnte es sein, dass Armutsbekämpfung gar nicht das bekämpft, was sie zu bekämpfen vorgibt? Ja mehr noch, dass die Kämpfer wider die Armut sich überhaupt nicht darum kümmern, was Armut ist und woher sie kommt?

Die amtliche Definition von Armut lautet:

«Personen, Familien und Gruppen sind arm, wenn sie über so geringe (materielle, kulturelle und soziale) Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Staat, in dem sie leben, als Minimum annehmbar ist.»

Diese Definition wirft mehr Fragen auf, als sie beantwortet:

Warum richtet sie ihren Blick nicht auf den Reichtum, der in dem Staat vorhanden ist, sondern auf das Minimum?

Was heißt „annehmbares Minimum“?

Wer entscheidet, was annehmbar ist?
Die Armen, die vom Reichtum ausgeschlossen sind?
Oder die Reichen, die von ihrem Reichtum bekanntlich nichts abgeben wollen?

Die Veranstaltung soll klären,

  • warum das so ist, dass die Armut trotz Armutsbekämpfung nie verschwindet?
  • warum die Armut trotz wachsendem Reichtum nicht abnimmt?
  • warum es falsch ist, dass eine große Kinderzahl, die Tatsache, dass ein Elternteil allein erzieht, schlechte Qualifikation, Arbeitslosigkeit, Krankheit und Behinderung arm macht?
  • was der Grund der Armut ist?
  • worin also Armut besteht?

Referent: Theo Wentzke ist Doktor der Soziologie, betreibt industriesoziologische Forschung, ist Redaktor und war Dozent an der Fachhochschule Pforzheim.

[7 Mrz 2010 | Kein Kommentar | Tags: ]

Donnerstag | 11.3.2010 | 19:30 Uhr | Bern | Gewerkschaftshaus | Monbijoustrasse 61

  1. Zwei Wochen lang dreht sich die Welt – zumindest, was die Öffentlichkeit angeht – mal nicht um Kriege, Wirtschaftskrise und Steuerdatenklau, sondern um das kleine Land in der Karibik, von dem man lange nichts gehört hatte. Nachdem dessen Hauptstadt von einem größeren Erdbeben zerstört wird, ist sofort klar: Jetzt müssen „wir“ helfen. Alle Unterschiede und alle gewöhnlichen Berechnungen werden für einmal, so scheint es, beiseite gestellt, jetzt gilt nur eins: helfen, unbedingt, sofort.
  2. Klar ist zum einen, dass da unten Verhältnisse herrschen, die die totale Hilflosigkeit der Betroffenen selbst nach so einer Katastrophe beinhalten. Das gewöhnliche Elend im „Armenhaus des freien Westens“, von dem man jetzt so nebenbei erfährt, soll man aber gewiss nicht diesem zur Last legen. Stattdessen bekommt man Hinweise auf eine längst vergangene „lange Geschichte der kolonialen und postkolonialen Ausbeutung“ und die notorischen Duvaliers sowie auf angebliche „Versäumnisse“. Immerhin erfährt man andererseits, dass dieser „failed state“ offenbar keineswegs vergessen war, sondern ihm durch UNO und hunderten von NGOs genau die Betreuung zuteilwurde, die für diese Kategorie von Staaten vorgesehen ist: Ein Minimalmass an Ordnung durch die UNO Truppen plus Hungerhilfe und so weiter.
  3. Als Helfer tätig werden dann doch nicht „wir alle“, die wir dazu ausser dem guten Willen gar keine Mittel in der Hand haben, sondern die Staaten der Welt, wohlsortiert nach dem, mit wie weitreichenden Zuständigkeitsrechten sie anzutreten beschliessen, und mit welchen Potenzen sie aufzuwarten haben. Ein regelrechter Wettlauf setzt ein, bei dem zuallererst die USA als Weltmacht demonstriert, wer für die Betreuung auch von Notstandsfällen (zumal in ihrem Hinterhof) zuständig und gerüstet ist; dann die Exkolonialmacht Frankreich, und alle anderen, die gewohnt sind, global aussenpolitisch herumzufuhrwerken oder die regionale Einflussansprüche haben. Die Hilfsaktion ähnelt so ganz einer Invasion – zumal von einer lokalen Herrschaft, die bei der Organisation der Hilfsaktionen eigene Souveränitätsrechte störend geltend machen könnte, kaum die Rede sein kann.
  4. Dass zum Wegräumen der Trümmer und der Erstversorgung der Verletzten ausgerechnet das Militär eingesetzt wird, verweist auf die wirklichen Prioritäten in dieser Welt, um die es jetzt einmal ausnahmsweise nicht geht. Beim Einsatz der Kriegsmaschinerie als Helferlein fällt zudem die Hilfe für die Überlebenden wunderbar zusammen mit der Stiftung der nötigen Ordnung, die der haiitianische Staat selbst nicht hinbekommt. Denn das ist auch klar, dass es beim „blossen“ Helfen nicht bleiben darf, sondern die Hilfe darin münden muss, dass die eine dauerhafte Ordnung hinbekommen.
  5. Ein-zwei Wochen (glücklicherweise vor der Olympiade) spielt die Öffentlichkeit ganz auf „wir alle“ und inszeniert eine grosse Einheitsfront von uneigennützigen Helfern, angeleitet von Promis wie Gottschalk oder Madonna. Die Völker dieser Welt bewähren sich als moralische Kollektive aus Helfern, die – jeder nach Vermögen und PR-Berechnung – ihre paar Franken oder ihren öffentlichen Gratisauftritt dazugeben. Was der Zirkus bringt und ausrichtet, braucht man nicht zu fragen. Zweckmässig in dem Sinne ist das öffentlich angeleitete private Spendenwesen ja sowieso nicht, sondern a) Gelegenheit zur moralischen Tat und b) Beitrag zur nationalen Ehre, als „Spendenweltmeister“ in der Helferolympiade ganz oben zu landen. Was daraus wird, entscheiden sowieso andere Mächte.
[7 Mrz 2010 | 3 Kommentare | Tags: ]

Donnerstag | 7. Oktober | 19.30 Uhr | Bern | Gewerkschaftshaus | Monbioustrasse 61 | www.unia-jugend-bern.ch

Einladung zum gemeinsamen monatlichen Studium des Klassikers von Marx.

1. Treffen mit Einführung: Was von Marx zu lernen wäre: Alles nötige über Arbeit und Reichtum im Kapitalismus

Linke zählen den Theoretiker des 19. Jahrhunderts, dessen Gedanken einmal die Welt bewegt haben, zu ihrem Traditionsbestand, seine Schriften aber kennen sie nicht mehr. Marx ist heute ein toter Hund. Umso mehr als man ihn an Universitäten, sofern man sich seiner erinnert, höflich ins geistesgeschichtliche Erbe eingemeindet – und zwar als einen Grossen: Ein grosser Philosoph soll er gewesen sein, dem es nach Hegel noch einmal gelungen sei, dialektisch zu denken; ein grosser Soziologe, der ein System gebastelt habe, in dem die Gesellschaft von der materiellen Basis bis zum Überbau der Ideen auf ein einziges Prinzip gebracht ist, ein grosser Prophet, der die Globalisierung früh vorhergesehen habe, ein grosser Utopist, der sich eine schöne bessere Welt ausgedacht haben soll.

Dass Marx selbst, wenn er gefragt würde, nichts von dem genannten Grossen vollbracht haben wollte, ja sich dieses Lob verbitten würde, kann seine geistesgeschichtlichen Freunde nicht bremsen… Sie verzeihen ihm ja sogar, dass er Kommunist gewesen ist. Er selbst sah seine Leistung einzig und allein in dem, was der Untertitel seines theoretischen Hauptwerkes ankündigt: in der “Kritik der politischen Ökonomie” des Kapitalismus. Marx war, wenn irgendetwas, Ökonom. Die Wirtschaftswissenschaften allerdings haben keine gute Erinnerung an diesen Klassiker, ja eigentlich überhaupt keine. Kein Wunder. Schliesslich hat er nicht nur die menschenfeindliche und absurde Rationalität dieses Wirtschafsystems aufs Korn genommen, das sie so vernünftig finden, er hat auch ihre verständnisvollen Theorien darüber wider- und zerlegt.

An dem Kapitalismus, den Marx in der Phase seines Entstehens analysierte und kritisierte, hat sich seit seinen Tagen dies und das, aber nichts Wesentliches geändert. Immer noch ist die Vermehrung des Geldes der beherrschende Zweck, für den gearbeitet wird – und das ist keineswegs ein geschickter Umweg zur besseren Befriedigung der Bedürfnisse; noch immer sind die arbeitenden Menschen Kostenfaktor, also die negative Grösse des Betriebszwecks; noch immer findet die Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit, der grössten Quelle des materiellen Reichtums, ausschliesslich statt, um Löhne zu sparen und Arbeitskräfte zu entlassen – also um den Arbeiter ärmer zu machen.

Wegen dieser Aktualität, und nur wegen ihr, verdient es der längst verblichene Denker, dass man sich seiner erinnert. Seine Bücher helfen, die ökonomische Wirklichkeit heute zu erklären. Das will der Vortrag anhand von Zitaten aus dem ersten Kapitel von “Das Kapital” Band 1,”Die Ware” demonstrieren. Angeboten werden ungewohnte Gedanken über Gebrauchswert und Tauschwert, konkrete und abstrakte Arbeit, Geld und Nutzen, Arbeit und Reichtum – paarweise Bestimmungen, die unsere moderne Welt nicht mehr auseinander halten kann, während sie tatsächlich die härtesten Gegensätze enthalten. Der Vortrag wird einführen in “Das Kapital” und für eine längerfristige Kapital-Lektüre werben, zu der sich gerade ein für alle Interessierte offener Lesekreis bildet.

[4 Feb 2010 | Kein Kommentar | Tags: ]

Donnerstag | 11.2.2010 | 19:30 Uhr | Bern | Gewerkschaftshaus | Monbijoustrasse 61 | www.unia-jugend-bern.ch

Nach Kopenhagen:

Der Kapitalismus schädigt das Klima
Die Staaten streiten sich um eine Weltenergieordnung
Der Bürger tauscht Glühbirnen und fährt klimabewusst

    Seit einigen Jahrzehnten rechnen Wissenschaftler vor, dass die zunehmende Erderwärmung durch Treibhausgase verheerende Folgen zeitigt und mehr Folgen zeitigen wird. Dürren hier, Überschwemmungen dort, machen das Leben von Abermillionen auf dem Globus auf neue Weise zu einer unsicheren Sache. Als Ursache gilt in der Öffentlichkeit gemeinhin nicht das weltumspannende kapitalistische Wachstum, das die Atmosphäre als kostenlose Müllkippe für seine diversen Emissionen nutzt, sondern “der Mensch”.

    Die Staaten, die auf ihrem Standort das Wachstum des Kapitals wollen und befördern, hat das alles nie beeindruckt. Erst eine Bilanz ganz eigener Art hat sie hellhörig gemacht. Der Klimawandel ist womöglich teuer und trägt bis 2050 weltweit einige Billionen Franken Verluste ein. Während sich der Mensch die Rolle des Verursachers vorwerfen lassen muss, darf also das Geschäft als prominentes Opfer des Klimawandels aufmarschieren, den es selbst herbeiführt.

    Seitdem tobt ein erbitterter Streit in der Staatenwelt um die Frage, wer wem Klimaziele und moderne Technologie wie Windräder und Solarzellen aufherrschen kann, die die eigene Konkurrenzposition am Weltgeschäft nicht schmälern, sondern befördern, auf Kosten der anderen eben. Gleichzeitig betreiben selbsternannte Klimapäpste wie Merkel und Sarkozy eine Energiepolitik, bei der brandgefährliche Atommeiler und gewaltige Dreckschleudern wie neue Braunkohlekraftwerke bequem Platz finden zwischen den ökologischen Windparks.

    Ein deutlicher Hinweis darauf, dass unter dem Firmenschild “Klimaschutz” ein etwas anderes Projekt verfolgt wird als die Rettung des blauen Planeten vor den eigenen Emissionen. Die fossilen Energieträger sind nämlich nicht nur immer teurer, sondern durch die neue Weltlage seit dem amerikanischen Antiterrorkrieg endgültig unsicher geworden. Energie ist der universelle Schmierstoff der kapitalistischen Ökonomien und deswegen unter den Staaten ein Streitgegenstand, der sogar das Zeug zum Kriegsgrund hat. Eine weltkrisenfeste nationale Energiebasis muss also her, natürlich im Namen des weltweiten Klimawandels und der betroffenen Menschheit.

    Insofern täuscht sich der Protest gegen den Klimagipfel, der der grossen Politik Verantwortungslosigkeit in Klimafragen vorhält und sie so an ihre eigentlichen Pflichten erinnern will. Der Staat erlegt zwar täglich anderen Pflichten auf, vom Autofahrer bis zum Arbeitslosen, steht aber selbst nicht in der Pflicht. Schon gar nicht gegenüber bloss eingebildeten Menschheitszielen auf der politischen Agenda wie dem Klimaschutz.

    [11 Jan 2010 | Kein Kommentar | Tags: ]

    Über das verrückte und menschenfeindliche System in dem wir leben.

    Donnerstag | 28.1.2010 | 20 Uhr | Bern | Hotel Bern (Lage) | www.unia-jugend-bern.ch

    Als vor einem Jahr die Finanzmärkte zusammenbrachen und die Realwirtschaft in bis dahin ungekanntem Tempo schrumpfte, kam der Kapitalismus ins Gerede. Leider sehr verkehrt. Auf die Diagnose: “Der Kapitalismus funktioniert nicht mehr”, antworteten Volk und Elite, Weltbevölkerung und WEF mit dem dringenden Wunsch: Er möge schleunigst wieder funktionieren.

    Inzwischen gibt es gute Nachrichten: Die vom Staat geretteten Banken machen weiter wie bisher und verdienen schon wieder zweistellige Milliardenbeträge. Die Realwirtschaft schrumpft seit ein paar Monaten nicht weiter und die allgemeine Stimmung schaltet auf Optimismus. Zwar steht in allen Zeitungen, dass die Pleiten zunehmen werden, die Sanierung und Verschlankung der Firmen gerade in Gang kommt und dass aus beiden Gründen ein großer Abbau von Arbeitsplätzen erst noch zu erwarten steht. Aber das zählt wenig angesichts dessen, dass “die Welt doch nicht untergeht”. Ein weiterer Schub der Verarmung von größeren oder kleineren Teilen der Bevölkerung ist als Preis des ersehnten Aufschwungs schon abgehakt.

    *

    Bewegt von der Sorge, der Kapitalismus könnte womöglich nicht mehr als Lebensgrundlage der Nation taugen, und voll der Hoffnung, dass er doch wieder in Ordnung kommt, stellt sich schon wieder kein Schwein die fälligen und nahe liegenden Fragen:

    • Was ist das für ein Wirtschaftssystem, in dem nichts so “systemrelevant” ist wie Banken? Alles Privatgeschäft darf scheitern und pleite gehen; die Banken nicht!
    • Was ist das für ein Staat, der – mit ungewissem Ausgang – seine ganze Macht über das Geld ein- und aufs Spiel setzt, um bankrotten Banken den Offenbarungseid zu ersparen?
    • Wofür wird in einem Land gearbeitet, produziert und konsumiert, wenn das Arbeiten zurückgefahren bis eingestellt wird, weil Milliarden-Spekulationen großer Geldhäuser daneben gehen?

    Nie zeigt die Herrschaft des Kapitals ihre Absurdität so offen, wie in der Phase, in der die Kapitalverwertung – weil sie nicht gelingt – den materiellen Lebensprozess der Gesellschaft abwürgt. Insofern wirft die Krise ein grelles Licht auf die Normalität des Kapitalismus und gibt eine abgekürzte Aufklärung darüber, wie sich Arbeit und Reichtum in diesem System zu einander verhalten. Die dafür nötigen Überlegungen verspricht der angekündigte Vortrag.

    Referent

    Dr. Peter Decker

    [10 Jan 2010 | Kein Kommentar | Tags: ]

    Donnerstag | 14.1.2010 | 19:30 Uhr | Bern | Gewerkschaftshaus | Monbijoustrasse 61 | www.unia-jugend-bern.ch

    Folgende Thesen sind zur Diskussion vorgeschlagen und sollen bewiesen werden:

    1. Schulpflicht und Allgemeinbildung
    Ausbildung ist im Kapitalismus kein Privileg für wenige, sondern ein Recht, allerdings auch eine Pflicht, der sich keiner entziehen darf. Offenbar ist das Ausbildungswesen kein Angebot, das unzweifelhaft den Auszubildenden nützt, sondern es dient einem staatlich definierten Bedarf danach, über welches Wissen und welche Einstellungen der gesellschaftliche Nachwuchs verfügen soll. Lehrpläne, Schulgliederung und Schulaufsicht legen fest, dass und wie der gesellschaftliche Nachwuchs für’s „Leben“, das heisst als mündiger und für die Konkurrenz des kapitalistischen Arbeitsmarktes tauglicher Staatsbürger hergerichtet werden soll.

    2. Noten und Zeugnisse
    Die Vermittlung von Wissen geschieht daher in der Schule so, dass es als Unterrichtsstoff dient, als Material, dessen vergleichsweise (Nicht-)Beherrschung geprüft wird und in Noten resultiert. Vom Schüler ist daher verlangt, sich für alle Fächer gleichermassen soweit und genau dann zu interessieren, wie und wann es vom Lehr- und Stundenplan vorgesehen ist. Der Unterricht resultiert dann zielgerichtet darin, die Schüler an den Noten zu unterscheiden in solche, die – weil sie den Stoff vergleichsweise schneller und besser gelernt haben – zu weiterer, „höheren“ Ausbildung als tauglich beurteilt werden und der Masse derer, die wegen vergleichsweise schlechterer Lernleistungen als für weitere theoretische Belehrung untauglich („also“ offenbar mehr „praktisch begabt“) aussortiert werden.

    3. Konkurrenz und Selektion
    Dass – und im Groben auch, wie viele – Gewinner und Verlierer der Konkurrenz um Noten und Abschlüsse die Schule verlassen, steht vor jeder Bemühung der Eleven fest. Freilich: Wer vom jeweiligen Jahrgang es schafft, aufs Gymnasium und die Universität zu wechseln und wer sich in die Konkurrenz um eine Lehrstelle bewerben darf, das liegt an jedem selber; soweit jedenfalls, wie er mit seiner Vorbildung und seinem Lerneifer es vermag, sich von den Mitschülern im schulischen Leistungsvergleich abzusetzen. Weder Stand noch Reichtum des Elternhauses entscheiden hier, sondern bloss der Wettbewerb darum, die verlangte Lernleistung besser als die anderen nachzuweisen.
    Dass sich bei dieser Gleichbehandlung die Unterschiede, die die Schüler aufgrund des Elternhauses in die Schule mitbringen, geltend machen, ist klar – und übrigens kein Verstoss gegen den Gleichheitsgrundsatz, sondern eine Konsequenz daraus. Die Forderung, die „soziale Ungerechtigkeit“ der unterschiedlichen Konkurrenzvoraussetzungen durch Kompensationsmassnahmen auszugleichen, verrät bloss einen Fanatismus der Konkurrenz, deren Resultate demnach dann voll in Ordnung gehen, wenn sie nur wirklich auf der Grundlage gleicher Chancen zustandegekommen sind.